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Die Erweiterung des Arbeitsbegriffs zur Bewältigung der formellen Arbeitslosigkeit – sinnvoller Beitrag oder reaktionärer Unfug?

Juni 15, 2009

Oder:  Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht…

Am 10. Juni 2009 hatte der AK Arbeit Prof. Manfred Nitsch, emeritierter Professor für politische Ökonomie am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften und dem Lateinamerika Institut der Freien Universität Berlin, zu Gast, um über die Erweiterung des Arbeitsbegriffs als Beitrag zur Bewältigung der formellen Arbeitslosigkeit in Deutschland zu diskutieren.

Zunächst führte Nitsch in den Arbeitsbegriff in historischer Perspektive ein. So galt Arbeit lange Zeit als Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Der Mensch, was insbesondere zu Zeiten der Sklaverei deutlich wurde, war vor allem als Energieträger wertvoll. Als eine erste Wende kann in diesem Sinne die industrielle Revolution als Energierevolution verstanden werden und die Dampfmaschine als Symbol für das Überflüssigwerden menschlicher Arbeitskraft.

Dennoch war die ökonomische Arbeitswertlehre gegen Ende des 18. Jahrhunderts vorerst noch von der Idee geprägt, die Stärke menschlicher Arbeit bestimme den „natürlichen Preis“ eines jeden Gutes. „Monsieur Le Capital und Madame La Terre“, wie sie Marx als Zeugungsgottheiten im Hintergrund heraufbeschwört, waren als wertschöpfende Faktoren zunächst noch unbekannt. Aufgeräumt hat damit die ökonomische Lehre der Neoklassik. In der darauffolgenden Welle der Fabrikarbeit galt der Mensch nicht mehr als Kraft- sondern vielmehr als Präzisionsmaschine. Geschicklichkeit und eine ordentliche Ausbildung waren gefragte Qualitäten … bis die Maschine mit ihren akkuraten Gerätschaften den Menschen als Werkmeister schließlich auch ablöste.

Was folgt ist die Dienstleistungsgesellschaft, in der der Mensch auch noch als einfacher Sacharbeiter, Kassierer oder ähnliches seinen Wert hatte. Doch spätestens mit der technologischen Revolution wurde der Mensch als Informationsverarbeiter auch mehr oder minder obsolet. Der Traum der Vollbeschäftigung als unmittelbare, menschliche Leistung wird damit immer unsinniger, so das der US-Ökonom Jeremy Rifkin bereits vor 15 Jahren das Ende der Erwerbsarbeit ausrief. Und tatsächlich wird der Lohnanteil am BIP immer geringer. Bedeutet dies nun das Ende der formellen Arbeit? Ist die menschliche Arbeit in Zukunft tatsächlich wertlos? Oder hilft es, den Arbeitsbegriff so zu erweitern, um dem Menschen seinen angestandenen Platz in der Wertschöpfungskette zurückzugeben?

Die Aufteilung der klassischen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in Haushalte, Unternehmen und den Staat lassen kaum sinnvolle Erweiterungen zu. Hier erfolgt eine klare Trennung zwischen privaten Haushalten, die entweder ihre Arbeitskraft gegen Bezahlung den Unternehmen zur Verfügung stellen oder unentlohnte, reproduktive Arbeit leisten können und darüber hinaus nur als Konsumenten auftreten und den Unternehmen, die investieren und mit den von den Haushalten zur Verfügung gestellten Produktionsfaktoren produzieren.  Auf der Haushaltsebene Arbeit gegen Freizeit abzugrenzen ist tatsächlich jedoch ähnlich schwer wie Investitionen vom Konsum (man betrachte hier etwa den Musik-oder außerschulischen Sprachunterricht als Investition ins Humanvermögen). Und so sträuben sich nicht zuletzt feministische Bewegungen gegen eine Ausweitung des Arbeitsbegriffs auf die rein reproduktive Arbeit (von Haushalt zu Haushalt), da dies schnell als reaktionärer Wegweiser für „Frauen zurück an den Herd“ interpretiert werden kann. Das Grundeinkommen etwa als vollständige Trennung von Arbeit und Lohn wird aus diesem Grund – wie  auch von den Gewerkschaften – abgelehnt. Und so bemerkte auch Nitsch die Gefahr einer solchen Betrachtungsweise. Reaktionär sei, was viele Menschen mit niedrigen Transfereinkommen (sei es nun Hartz IV oder ein Grundeinkommen) abspeist, während nur eine neo-aristrokratische Klasse von weiterhin arbeitenden Ingenieuren, Professoren und der gleichen abheben kann, während die Masse vor dem Fernseher quasi ruhig gestellt wird – die Geburtsstunde der Telekratie.

Dennoch sollte man darüber nachdenken, inwiefern eine  – schon jetzt nicht monetär entlohnte – Arbeit etwa im non-profit Sektor nicht doch auch mit ökonomischen Anreizen versehen werden kann, damit diese eine Aufwertung erfährt. „Partizipation statt Arbeit“ wäre in diesem Fall der Leitgedanke, informelle Arbeit z.B. mit Rentenpunkten zu belohnen oder Spendenbescheinigungen für gespendete Arbeit auszustellen. Inwiefern eine solche partielle Formalisierung von Arbeit bei dafür einzuführenden Monitoring, wäre abzuwägen.

Ungeklärt bleibt hier jedoch: Braucht unsere Gesellschaft Arbeit überhaupt? Wird nicht auch im informellen Bereich alle Arbeit ohnehin getan? Und was ist dann von der produktivistischen Aktivierungspolitik à la Hartz IV zu halten? Was mein Ihr?

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