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Auszubildende unfähig?

April 8, 2010

Heute hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag mal wieder eine Befragung veröffentlicht, die beweisen soll, dass die heutige Generation von Auszubildenden für eine Ausbildung größtenteils nicht zu gebrauchen sei. Wichtig dabei zu beachten ist, dass es sich hierbei nicht um eine wissenschaftliche Studie mit validen Ergebnissen handelt, sondern lediglich um eine Befragung. Die darin enthaltenen Fragen und die darauf gegebenen Antworten sind entsprechend sehr kritisch zu betrachten.Besonders fallen die als Argument immer wieder gerne vorangestellten „Schwächen der Auszubildenden“ ins Auge: Obwohl sich die allgemeine Situation hinsichtlich der Grundfertigkeiten wie Deutsch und Mathe teils stark (Deutsch) gebessert habe, seien die Unternehmen mehr als die letzten Jahre unzufrieden. Zugleich wird daran eine politische Botschaft angehängt: „Trotz der positiven Trends ist die Unzufriedenheit der Ausbildungsbetriebe nach wie vor groß. Nur 9 Prozent der Unternehmen sehen keine Mängel bei der Ausbildungsreife der Schulabgänger. Die Schulen müssen daher ihre Anstrengungen bei der individuellen Förderung der Schüler weiter verstärken. Am Ende der Schulzeit müssen alle Jugendlichen über die notwendigen Grundqualifikationen verfügen, die für eine Ausbildung wichtig sind.“

Neben dem Aspekt, dass hier ein Ergebnis der Befragung geschickt umgangen werden soll, werden dabei die steigenden Ansprüche in der Ausbildung und die zunehmende Professionalisierung nicht beachtet , wie man an dem Leitmotiv des „Fachkräftenachwuchses“ erkennen kann. Sicherlich: Hier liegt ein Qualifizierungsproblem vor, das man jedoch nicht immer von der einen zu der anderen Seite verweisen kann, sondern an dem Bildungssystem und Wirtschaft sich zu gleichen Teilen beteiligen müssen.

Ferner fehlt eine Definition der sog. „Ausbildungsreife“ – diese wird als Mangelzustand immer wieder gerne angeführt, um sie dann der Jugend zu attestieren. Stempel: Zur Ausbildung ungeeignet! So sprechen sich 74% aller Betriebe dafür aus, dass SchulabgängerInnen eine „mangelhafte Ausbildungsreife“ aufweisen würden. Interessant dabei ist, dass es sich bei den abgefragten Werten um komplett subjetive Werte handelt, die sich nur schwer objektivieren lassen, wie Disziplin, Interesse oder auch Umgangsformen. Allerdings zeigen sich auch hier die Werte in relativ stabilem Rahmen.

Doch gibt die Befragung in anderen Bereichen durchaus interessantere Ergebnisse aus, die jedoch nicht in den Pressemeldungen zu hören waren. Und dies scheint der DIHK auch ganz recht zu sein:

– 39% der befragten Betriebe möchten nicht einmal die Hälfte ihrer Auszubildenden übernehmen.

– 63% der Betriebe konnten ihre Ausbildungsplätze nicht belegen, da sie die BewerberInnen für „nicht geeignet“ hielten – aus welchen Gründen auch immer

– in allen Betrieben, aber vor allem in Großunternehmen und der Industrie, sanken die Ausbildungsplatzangebote bis auf einen Wert von -15% (Industrie gesamt)

Bei solch miesen Zahlen scheint es der DIHK nur logisch den Sündenbock auf die Auszubildenden zu schieben. Sehr schade! Etwas mehr Selbstkritik könnte nicht schaden …

Hier könnt ihr euch die Meldung der DIHK zur Befragung anschauen: http://www.dihk.de/inhalt/informationen/news/meldungen/meldung012404.html

Oder gleich zur Befragung: Ausbildungsumfrage 2010

3 Kommentare leave one →
  1. Dirk Kratz permalink
    April 12, 2010 8:49 am

    Wie die meisten Medienanstalten bin ich ebenfalls darauf hereingefallen, dass „74% aller Betriebe“ eine Ausbildungsunreife der SchulabgängerInnen feststellen würden. Unter der Meldung auf Nachdenkseiten wurde dies in einem Kommentar berichtigt:
    Es handelt sich dabei nicht um „74% aller Betriebe“, sondern „74% der Betriebe, die Ausbildungshemmnisse beklagen“! Das bedeutet sogar, dass nicht einmal 37% aller Betriebe mit der Ausbildungsreife unzufrieden sind, da nur etwa jeder zweite Betrieb Ausbildungshemmnisse angibt.
    Die Zahlen, die in den Medien verbreitet werden, sind also noch mehr mit Vorsicht zu genießen!

  2. Christine permalink*
    April 13, 2010 8:08 am

    Die Diskussion um die Ausbildungreife ist alt, und sie ist häufig instrumentalisiert worden. Aus demografischen Gründen ist in den letzten zwei Jahrzehnten die Anzahl der Schulabgänger gestiegen, und die Unternehmen haben – im Gegensatz zu ähnlichen Situationen in der Vergangenheit – keine weiteren Ausbildungsplätze bereitgestellt. Da ist es eine einfache Strategie, die Ausbildungsfähigkeit in Frage zu stellen, und die Bundesagentur für Arbeit einen großen Teil der Bewerber von vorneherein mit dem Stempel „ausbildungsunfähig“ versehen und in den Statistiken verstecken zu lassen (sic!).

    Dennoch muss man zu Gute halten: An der Diskussion ist auch etwas dran. Es gibt immer noch einen erschreckend hohen Anteil von Schulabgängern ohne Abschluss, Schule trägt hierzulande viel zu wenig zu Mobilität und Chancengleichheit bei, internationale Vergleichsstudien wie PISA zeigen Probleme im deutschen Schulsystem auf.

    Auch haben sich die Anforderungen an die Auszubildende erhöht. Verschiedene Gründe spielen hier eine Rolle, und insbesondere der technische Fortschritt und die Entwicklung zur Wissensökonomie verlangen von den Auszubildenden mehr Kenntnisse und Fähigkeiten. Das ist etwas, was natürlich nicht in der DIHK-Pressemitteilung zu lesen ist.

    In den vergangenen Jahren gab es am Ausbildungsmarkt einen großen Überschuss an Bewerbern, und die Unternehmen hatten die große Auswahl. Dies wird sich ändern: Deutschland altert und es wird weniger Schulabgänger geben. In den neuen Bundesländern ist dies schon der Fall, in den alten Bundesländern tritt diese Entwicklung erst in einem Jahrzehnt voll ein. Nicht zuletzt deshalb ist ein Umdenken gefragt, und Unternehmen werden sich auch der Zielgruppe der schwächeren Schüler annehmen müssen. Das birgt die große Chance, alle mitzunehmen und auch Schulabgängern mit schwächeren Leistungen wieder eine Perspektive zu bieten.

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