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Das erste Kooperationsseminar der HBS und FES in Bonn vom 28. bis 30. März 2011

April 15, 2011
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ein Bericht von Christian Testdorf, Mitglied im AK Arbeit & Soziales

Wie haben sich die Gewerkschaften in der Frühphase der Bundesrepublik gegründet und wo lagen die Gründe für den Wechsel der Organisationsform von den konfessionell und politisch gebundenen Gewerkschaften hin zur Einheitsgewerkschaft im DGB? Welche Kontinuitäten gab es zur Weimarer Republik? Und in welchen Politikfeldern versuchten die Gewerkschaften besonders, ihren Einfluss auf die Gesetzgebung geltend zu machen? Diese und weitere Fragen rund um die „Gewerkschaften in der Gründungsphase der BRD“, so der Titel des dreitägigen gemeinsamen Seminars von HBS und FES in Bonn, wurden in verschiedenen Vorträgen aufgegriffen und historisch verortet. Auch Mitglieder des AK Arbeit und Soziales nahmen hieran teil.

Nachdem Inge MARSZOLEK in ihrem Beitrag einen Überblick über die Organisationsgeschichte des DGB und die allgemeine Sozialgeschichte der 1950er Jahre, die von den Entscheidungen zur Mitbestimmung und der Rentenreform von 1957 geprägt wurden, geboten hatte, stieg Michael SCHNEIDER im Anschluss in medias res und erläuterte die Rolle der Gewerkschaften zwischen politischer Opposition und ihrer Besinnung auf die eigene Kraft anhand der Politikfelder Tarifpolitik, Wiederbewaffnung, Notstandsgesetzgebung und der Antiatomtod-Bewegung. Da die Gewerkschaften die Umgestaltung der Wirtschaftsordnung im Sinne einer weit gehenden Sozialisierung und Demokratisierung der Wirtschaft nicht durchsetzen konnten, fanden sie sich alsbald nach der Gründung der Bundesrepublik erneut in der Rolle des fordernden Parts im Gesellschaftsgefüge wieder. Wie erfolgreich die Gewerkschaften dabei agierten, könne laut Schneider nur am Maßstab der selbst gesteckten Ziele ermessen werden. Insbesondere auf dem Feld der Tarifpolitik seien sie sehr erfolgreich gewesen. Durch jährliche Lohnrunden gelang es ihnen, die Löhne der Arbeiter und Angestellten in einem Maße zu steigern, der zur endgültigen Integration breiter Schichten in die Gesellschaft beitrug, ohne dabei jedoch die Produktivität der Unternehmen zu überdehnen. Allerdings spreizte sich trotz der gewerkschaftlichen Erfolge der Abstand von Lohn- und Gewinnquote schon in den 1950er Jahren auseinander, so dass vom Erhardschen Diktum „Wohlstand für alle“ bereits in der Frühphase der Bundesrepublik nicht viel übrig blieb. In den weiteren Politikfeldern befanden sich die Gewerkschaften und insbesondere der DGB immer in dem Zwiespalt zwischen der eigenen Funktion als Vertretung der Arbeitnehmer und den Ansprüchen der Vorstände, in bestimmten Fragen eine gewerkschaftliche Position zu entwickeln. Hier zeigte sich jedoch deutlich eine gewisse Unsicherheit der neuen Gewerkschaften. In der Kontroverse um die Wiederbewaffnung des deutschen Volks verzichteten sie trotz Protesten aus der Bevölkerung auf eine breite Mobilisierung der Mitglieder, in der Bewegung gegen den Atomtod engagierten sie sich, auch aufgrund des überwiegenden Desinteresses der Mitgliedschaft, nur kurzzeitig. Die Ausrufung eines Generalstreiks, der zudem richterlich verboten war, kam dabei zu keinem Zeitpunkt in Betracht. Ferner standen die Gewerkschaften in dem Widerspruch zu ihrer Nähe zur SPD und den Prinzipien der politisch ungebundenen Einheitsgewerkschaft, die ihren Höhepunkt in dem Aufruf des DGB „Wählt einen besseren Bundestag“ zur Wahl 1953 fanden. Mit dieser Parole ergriffen sie nach dem enttäuschenden Gesetz über die Betriebsverfassung klar Position für die SPD und scheiterten letztendlich, was nicht zuletzt zu Spannungen zwischen den sozialdemokratischen und christlichen Flügeln im DGB führte.

Das für die Gewerkschaften stets besonders bedeutsame Feld der Mitbestimmung beleuchtete Karl LAUSCHKE in seinem anschließenden Beitrag eingehend anhand der Gesetzgebung der 1950er Jahre. Konnte der DGB unter der Führung seines ersten Vorsitzenden Hans Böckler mit dem Gesetz zur Montanmitbestimmung, das eine paritätische Vertretung von Arbeitnehmern und Anteilseignern im Aufsichtsrat von Unternehmen der eisen- und stahlverarbeitenden Industrie unter gewerkschaftlicher Beteiligung vorsieht, noch einen großen Erfolg erzielen, mussten sie mit dem Betriebsverfassungsgesetz von 1952 eine herbe Niederlage einstecken. Der DGB hatte gehofft, die weit reichenden Ergebnisse der Montanmitbestimmung auf die Gesamtwirtschaft übertragen zu können, scheiterte allerdings an den politischen Realitäten. So wurde letztendlich nur eine Drittelbeteiligung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat beschlossen, die Teilnahme von externen Gewerkschaftsvertretern sah das Gesetz nicht vor. Obwohl Gewerkschaft und Betriebsrat seitdem in Deutschland offiziell zwei getrennte Sphären sind, wurden die Betriebsräte doch im späteren Verlauf für die Organisationssicherung der Gewerkschaften sehr bedeutsam.

Am folgenden Tag besuchte die Gruppe zunächst das Archiv und die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung und am Nachmittag das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. In der FES zeigte uns Archivar Klaus Mertsching die zentralen Bestände des DGB und wies auf die reichhaltige Quellenlage der Gewerkschaften seit 1945 hin. Das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) ist hier mittlerweile die einschlägige Institution zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung. Auch die Bibliothek der FES kann mit zahlreichen Periodika der Gewerkschaften aufwarten, die zum Teil weit in das 19. Jahrhundert zurückreichen, wie der Leiter Rüdiger Zimmermann in sehr eindrucksvoller und anschaulicher Art darstellte. Im Haus der Geschichte bekamen die Teilnehmenden eine Führung und stellten im Anschluss einer Museumspädagogin Fragen zum Ausstellungskonzept.

Der dritte Tag begann mit einem Vortrag von Stefan REMEKE zur Sozialpolitik der Gewerkschaften in der Gründungsphase der Bundesrepublik, die er anhand des biographischen Beispiels des DGB-Sozialpolitikers Gerhard Muhr verdeutlichen wollte. Die Verknüpfung einer biographischen Forschung mit der Sozialgeschichte stellt ein methodisches Problem dar, das Remeke durch den Verweis der Prägungen, die die Geschichte der Bundesrepublik auf den Lebenslauf und die Ansichten von Muhr ausübte, auflösen wollte. In dem letzten Beitrag verglich Friedhelm BOLL in einem exzellenten Vortrag die deutsche und französische Arbeitskampfkultur und die Gewerkschaftslandschaft dies- und jenseits des Rheins. Es gelang ihm trotz der Kürze der Zeit, die prägenden Linien und historischen Verläufe knapp und präzise zu erklären, so dass das Auditorium sich im Anschluss ein schärferes Bild von den Vor- und Nachteilen des deutschen Modells der industriellen Beziehungen machen konnte. Wichtig sei so Boll bei einem jedem Vergleich, unbeachtet aller Unterschiede, die funktionalen Äquivalente eines jeden Systems zu suchen und auf ihre Wirkmächtigkeit zu überprüfen. In Frankreich konnten die Gewerkschaften insbesondere durch den Druck der Straße auf die Politik wichtige sozialpolitische Veränderungen erzielen. Durch seinen Vortrag konnte in der anschließenden Diskussion auch der Bogen zu einer gemeinsamen Einschätzung der aktuellen Lage der Gewerkschaften in Deutschland gespannt werden.

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