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Komplizierte Kopiervorlage

September 29, 2012

Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist deutlich geringer als in anderen Ländern Europas. Der Grund: Das deutsche Berufsbildungssystem. Die Bundesregierung will nun dabei helfen, dieses System in andere Länder zu exportieren. Doch das wird nicht so einfach, kommentiert Christine Ante.

Wer einen Blick auf die neuesten Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit in Europa wirft, dem wird die ganze Dramatik einer „verlorenen Generation“ bewusst, die auf dem Syntagma-Platz in Athen oder an der Puerta del Sol in Madrid demonstriert: In Griechenland und Spanien ist mehr als jeder zweite unter 25 ohne Job. In der Slowakei, in Portugal und in Italien sind es über 30 Prozent. Und selbst in Schweden, Frankreich, Großbritannien und Luxemburg ist noch mehr als jeder Fünfte unter 25 arbeitslos.

Deutschland hat es geschafft, die Jugendarbeitslosigkeit trotz Krise unter zehn Prozent zu halten, und die Berufsausbildung wird als ein wesentlicher Grund hierfür ausgemacht. Ebenso ist es in Norwegen, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden.  Zwar ist in all diesen Ländern der Arbeitsmarkt generell weniger von der Krise betroffen, ein derartiger Unterschied in der Jugendarbeitslosigkeit ist so aber nicht zu erklären.

Vor einigen Wochen gab es deshalb eine Deutsch-Spanische Ausbildungskonferenz in Stuttgart. Bildungsministerin Annette Schavan hat dort ihre Unterstützung zugesagt, die Berufsbildung in Spanien auszubauen – nach deutschem Vorbild. „Wir sind in Deutschland davon überzeugt, dass duale berufliche Bildung die beste Vorbeugung gegen Jugendarbeitslosigkeit ist“, sagte Schavan. Doch ein Ausbildungssystem zu übertragen, das funktioniert nicht so einfach.

Zunächst einmal macht es die Berufsbildung in den Ländern mit geringer Jugendarbeitslosigkeit aus, dass die Auszubildenden sowohl im Unternehmen als auch in der Schule lernen. So können sie praktisches Wissen theoretisch unterfüttern. Bei der dualen Ausbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben Auszubildende dabei einen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen  und gehen ein bis zwei Tage in der Woche in eine Berufsschule. In Norwegen und in den Niederlanden spielen die Schulen eine wesentliche größere Rolle. Aber auch in diesen beiden Ländern gibt es viele Praxisphasen, sodass die Auszubildenden letztlich ebenfalls an beiden Orten lernen.

Gerade weil die Auszubildenden auch in Unternehmen lernen sollen, kann der Staat nicht einfach ein Gesetz erlassen, und dann funktioniert die duale Ausbildung. In den Ländern mit geringer Jugendarbeitslosigkeit sind sowohl der Staat als auch Unternehmen stark in der Berufsbildung engagiert. Unternehmen sind außerdem maßgeblich bei der Durchführung, der Finanzierung und der Verwaltung der Ausbildung eingebunden. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften spielen eine große Rolle in der Verwaltung und Reform der Systeme. Unternehmen definieren gemeinsam, mit Hilfe der Arbeitgeberverbände, ihre Anforderungen an bestimmte Berufe und an das System als Ganzes. Es gibt Standards für die Ausbildung und für die Prüfungen. In manchen der Länder sind die Sozialpartner hier auch eingebunden („Korporatismus“).

Was es noch schwerer macht, die Berufsausbildung zu kopieren: Die Berufsausbildung agiert nicht als abgeschottetes System, sondern spielt mit anderen Bereichen der Wirtschaft zusammen. Das zumindest ist eine zentrale Idee der Vergleichenden Politischen Ökonomie. So spielt es eine Rolle, ob die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände feste Tarifsysteme aushandeln. Beispielsweise sinkt die Motivation eines Unternehmens, sich an der Ausbildung zu beteiligen, wenn selbst ausgebildete Fachkräfte ständig abgeworben werden. Feste Tarifsysteme aber erschweren das Abwerben. Zudem spielt auch das Bankensystem eine Rolle. Bei der Berufsausbildung handelt es sich für Betriebe nämlich um eine langfristige Investition. Wenn sie ständig auf Börsenkurse und Aktionärswerte achten müssen, ist eine langfristige Planung schwieriger. Wenn die Bank im Aufsichtsrat sitzt und die Unternehmenslage gut einschätzen kann, sind langfristige Investitionen hingegen einfacher. Nicht zuletzt spielt auch der Wohlfahrtsstaat eine Rolle. Auch für den Auszubildenden ist eine Ausbildung eine Investition, da der Lohn während der Ausbildung geringer ist. Wenn bei Arbeitslosigkeit zunächst der Staat einspringt und Teile des Gehalts weiterbezahlt, kann sich die Fachkraft besser nach einem neuen Job auf dem gleichen Qualifikationsniveau umschauen. Jeder dieser Bereiche (die Wissenschaft spricht von „Institutionen“) ist daher in gewissem Maße Voraussetzung für Regelungen in den anderen Bereichen.

Genau das macht es schwer, Ausbildungssysteme zu kopieren. So hat David Soskice, ein bekannter Wissenschaftler und ehemaliger Direktor des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Großbritannien schon vor etwa 20 Jahren davon abgeraten, weiterhin mit großem Aufwand die duale Ausbildung zu fördern. Das duale Berufsbildungssystem passe einfach nicht zu den Institutionen drum herum. So sind das Zusammenspiel von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das Bankensystem und die Lohnsetzung anders organisiert als in Deutschland und den anderen Ländern mit geringer Jugendarbeitslosigkeit. Und das macht es schwer, die duale Ausbildung in Großbritannien zu verankern. Das Argument bestätigt sich in der Praxis: Bis heute pumpt die britische Regierung viel Geld in den Aufbau einer dualen Ausbildung – mit geringem Erfolg.

Wie genau sich die deutsche Bildungsministerin und ihr spanischer Amtskollege den Aufbau einer dualen Berufsbildung vorstellen, ist bislang öffentlich noch nicht bekannt. Die Forschung zeigt auf jeden Fall: Das wird schwierig. Der kritische Punkt ist, die Unternehmen von einem neuen System zu überzeugen. Daran hat es beispielsweise auch in den USA gehakt. Dort ist vor rund 20 Jahren der Versuch gescheitert, in der Automobilindustrie im Norden des Landes ein duales Ausbildungssystem einzuführen. Die Unternehmer konnten nicht verstehen, warum sie in die Ausbildung von Fachkräften investieren sollten, wenn diese anschließend einfach zu ihren Konkurrenten wechseln können.

Vielleicht wäre es ein vielversprechender Weg, die schulische Berufsausbildung zu stärken wie in den Niederlanden und in Norwegen.  Diese müsste viele Praxisphasen einschließen – aber es dürfte leichter sein, Unternehmen für Praktika zu gewinnen als für den Aufbau eines eigenen Ausbildungssystems. Einfach ist aber auch das nicht: Im Ergebnis sind diese Bildungsgänge dann häufig (nicht immer!) zu praxisfern. Deshalb ist es wichtig, dass sich Unternehmen, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften auch in einem solchen Modell daran beteiligen, die Ausbildungsgänge praxisnah zu gestalten. Aber eine schulische Berufsausbildung wiederum kostet den Staat Ressourcen, die gerade in Krisenzeiten knapp sind.

Zum Weiterlesen für alle, die sich näher mit dem Thema auseinander setzen möchten:

Marius Busemeyer und Christine Trampusch (2012) (Hrsg.): The Comparative Political Economy of Collective Skill Formation. Oxford: Oxford University Press.

David Soskice (1993): Social skills from mass higher education: rethinking the company-based initial training paradigm. Oxford Review of Economic Policy 9(3): 101-113.

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